Talk im Casino 2003

Markt und Moral

Franz Jaeger / Hans Ruh

Kategorie: Veranstaltungen

Der diesjährige Jahresanlass «Talk im Casino» in Baden von Ernst & Young und Binder Rechtsanwälte zum Thema «Markt und Moral» wurde zum Grosserfolg.

Baden, 16. Januar 2003 - Der traditionelle jährliche Anlass «Talk im Casino» in Baden, den Binder Rechtsanwälte und Ernst & Young Baden gemeinsam organisieren, war diesmal dem hochaktuellen Thema «Markt und Moral» gewidmet. Die Aussicht, aus den kontroversen Thesen und Standpunkten der beiden Referenten, Professor Dr. Franz Jaeger, St. Gallen und Professor Dr. Hans Ruh, Zürich, neue Einsichten zu gewinnen, lockte mehr als 400 geladene Gäste in das Casino. Gesprächsleiter der nachfolgenden Diskussion war Markus Gisler, designierter neuer Chefredaktor der Aargauer Zeitung.

 Im Mittelpunkt des Abends standen die wirtschaftlichen und moralischen Konsequenzen nichtethischen Verhaltens in Unternehmungen und die Frage, wie marktwirtschaftliche Prinzipien und ethische Grundsätze vereinbart werden können. Für den Ethikprofessor und Theologen Hans Ruh ruft der «Sinkflug der institutionellen Bedeutung und der institutionellen Durchsetzung von Ethik und Moral» nach einem neuen Modell. Ohne grundlegende Prinzipien und Werte als elementare Basis von Ethik und Kultur könnten Menschen nicht überleben, betont der Sozialethiker. Er lehnt die Theorie ab, dass der Markt alleine imstande sei, die wichtigsten Elemente der Lebensgestaltung, wie Deckung der Bedürfnisse, Lebensqualität, Sorge zur Umwelt, sinnvoll zu steuern, da der Markt moralisch, ethisch, sozial und sinnstiftend schwerwiegende Defekte aufweise. Fazit: Ohne Moral ist der Markt nicht in der Lage, das Überleben und die Lebensqualität der Menschen zu sichern. Professor Ruh fordert ein neues Modell, das Ethik und Markt verbindet. Teile des Modells dazu sind bereits auf dem Weg: Corporate Governance, Global Compact, Ethische Geldanlage, diverse Zertifizierungsmodelle usw. Ruh fordert eine freiwillige Ordnung der Ethik im Unternehmen, die freiwillige Übernahme ethischer Verantwortung, freiwilliges ethisches Management unter der Bedingung der absoluten Transparenz. Ruh ist vom Funktionieren dieser Modelle überzeugt, umso mehr, als eine Moralisierung der Gesellschaft, ein höheres Risikobewusstsein und ein hohes Protestpotential bei den Menschen den «Preis der Moral» in die Höhe getrieben habe.

Professor Franz Jaeger machte nicht alleine den unethischen Markt, sondern auch eine «Verluderung» in der Politik für die gestiegene Morallosigkeit verantwortlich. Nach seiner Meinung waren es jedoch die liberale Gesellschaftsordnung und auch das System, die sich selbst gereinigt und die Fehlbaren vom Sockel geholt haben. Diesmal habe als erstes die Börse auf die Skandale mit einem Vertrauenscrash reagiert. Der Produktions- und Wachstumsfaktor «Glaubwürdigkeit» müsse wieder hergestellt werden. Jaegers Forderung lautet: Zurück zur Bodenhaftung, neue Bescheidenheit bei den Gewinnerwartungen. Bewusstsein der Konzernchefs dafür, dass sie für Menschen und fremdes Geld Verantwortung tragen. Absage an den «Quartalsterror», der langfristigen Entscheidungen schadet. Anleger müssen diversifizieren, Unternehmer fokussieren, um Einfluss auf unternehmerische Prozesse zu gewinnen. Zurück zur Gewaltentrennung in Industrie und Wirtschaft. Gewaltentrennung auf höchster Stufe CEO/Verwaltungsrat. Verantwortung bei der Auswahl von Menschen in Führungspositionen. Professor Jäger erläuterte, dass an der Universität St. Gallen neu ein Schwerpunkt des Studiums diesen Themen gewidmet sei, um Verantwortung und Ethik bewusst und lebbar zu machen.

In der anschliessend von Markus Gisler geführten Round Table wurde über Gemeinsamkeiten und Gegensätze der Referate eine lebhafte Auseinandersetzung geführt. So wurde die Frage diskutiert, ob – wie von Professor Hans Ruh gefordert – der CEO künftig ein «moralisches Zertifikat» brauche oder nach Überzeugung von Professor Jaeger der Markt dieses Problem von sich aus regelt. Am Beispiel der Benzinpreise standen im Dreieck der Schuldzuweisung Mensch – Politik – Wirtschaft. Ob die Wirtschaft höhere Preise verhindert, die Politik versagt oder die Menschen höhere Preise ablehnen, führte ebenfalls zu engagierten Diskussionen.

Dr. Andreas Binder, 
Binder Rechtsanwälte

Prof. Dr. Peter Athanas,
Verwaltungsratspräsident
Ernst & Young

Markus Gisler, 
Chefredaktor der 
Aargauer Zeitung

Prof. Dr. Hans Ruh, em.
Professor für 
systematische Theologie 
mit Schwerpunkt 
Sozialethik an der 
Universität Zürich, 
Wissenschaftlicher Leiter 
der Stiftung für
 Angewandte Ethik,
Verwaltungsratspräsident 
der Blue Value AG, 
Richterswil

Prof. Dr. Franz Jaeger,
Ordinarius für 
Wirtschaftspolitik an der 
Universiät St. Gallen, 
Geschäftsleitender 
Direktor des 
Forschungsinsitutes für 
Empirische Ökonomie 
und Wirtschaftspolitik, 
St. Gallen